Basel

Wild Maa

Der Vogel Gryff ist jeweils im Januar der grösste Kleinbasler Ehrentag. Vogel Gryff, Wild Maa und Leu, die drei Ehrenzeichen, sind dann auf Strassen, Gassen, Plätzen und natürlich auch in den Beizen im „mindere Basel“ unterwegs.

Viele Glaibasler wünschten sich sehnlichst, einmal als Gäste am Vogel Gryff bei einer Talfahrt live dabei sein zu dürfen. Du bist als Wild Maa seit Jahren als Hauptfigur bei jeder Talfahrt präsent. Was ist das spezielle an diesem Auftakt zum Vogel Gryff-Tag?

Der spezielle Auftakt beginnt für mich nicht erst bei der Talfahrt, sondern mit der Fahrt zum Wild Maa Horst mit dem Oldtimer-Mannschaftswagen. Da entstehen die ersten grossen Eindrücke vom Tag. Wenn Kindergärten und Schulklassen einem auch aus grosser Distanz zuwinken und dich dann in grosser Anzahl am Horst ungeduldig erwarten, dann weiss man bereits was auf einen zukommen wird. Die Talfahrt ist natürlich ein Highlight am Tag eines Wilden Mannes, und dies versuche ich auch zu geniessen. Die Fahrt auf dem Floss kennt man als Zuschauer nur vom Rheinufer aus und aus meiner Sicht bewundere ich jährlich die grossen Menschenschar, die sich am Kleinbasler Ufer versammelt hat um dem Vogel Gryff- Tag zu frönen. Natürlich freue ich mich aber auch auf den Vogel Gryff und den Leu, wenn wir uns das erste Mal auf grosse Entfernung die Reverenz (Grüssen) auf Höhe des Hotel Merian erweisen.

Wie schwer ist die Rüstung des Wild Maa inklusive Tännli?

Verglichen mit den beiden anderen Ehrenzeichen bin ich eher das Leichtgewicht in Sachen Kostüm. So trage ich gesamthaft etwa 25 kg mit mir, dies setzt sich aus dem Kostüm (3 kg), der Maske (2 kg), dem Kopf- und dem Bauchkranz mit den Äpfeln (je 5 kg) und der Tanne (10-12 kg) zusammen.

Kann das Publikum beim Start zur Talfahrt live dabeisein?

Jeder ist willkommen, wobei am Wild Maa-Horst die Schüler der Schulklassen der 3. Primarstufe den Vorrang haben und sich eines der beliebten Schnäggeweggli abholen.

Wie viele Jahre dauert es, bis man als junger, hoffnungsvoller Wild Maa seinen spezifischen Tanz von A bis Z intus hat?

Als erstes ist zu sagen, dass man den Tanz nirgends niedergeschrieben findet und somit auch nicht die Chance besteht, diesen ohne Unterstützung bis ins Detail zu lernen. Wenn man vom Spielchef als «Wild Maa»-Nachfolger bestimmt wird, so passiert dies in etwa fünf Jahre vor dem ersten Einsatz. Ab dem Moment ist man in den Proben auch immer wieder an der Reihe unter Anleitung des aktiven «Wild Maa» und der Ehemaligen sein Können zu zeigen und den Tanz mit Tipps der Freunde zu perfektionieren. So braucht es diese Vorbereitungszeit über all die Jahre. Vor allem braucht es dann einen ersten Vogel Gryff-Tag in Charge. Dort lernt man mit dem Drumherum umzugehen und auf verschiedene Gegebenheiten zu reagieren. Ich sage immer wieder, es ist kein Tanz gleich wie der andere.

Was war Dein bisher schönstes Erlebnis als Wild Maa?

Da gibt es viele schöne Momente, die ich in einem Satz zusammenfassen kann. Am Tag des Vogel Gryff herrscht im Kleinbasel eine besondere Stimmung: An diesem Tag läuft hier alles etwas anders als sonst während des Jahres.

Magische Momente gibt es aber auch circa neun Monate nach dem Vogel Gryff. So bekam ich Ende Oktober einen Brief mit einer Geburtsanzeige zugesandt. Er war an den "Wild Maa" adressiert. Eine Mutter stahl am Vogel Gryff dem Wilden Mann einen Apfel, und der Apfel als Fruchtbarkeitssymbol konnte nach dessen Verzehr die volle Wirkung entfalten. Was ich erst später von den Eltern erfuhr, war folgendes. Die beiden wünschten sich sehnlichst ein zweites Kind, aber leider schien das aus unerklärlichen Gründen nicht zu funktionieren. So ging die Mutter mit der Absicht einen Apfel zu erhaschen an den Vogel Gryff. Wenn man also an den Mythos glaubt, kann ein solches kleines Wunder auch tatsächlich eintreffen.

Der Wild Maa ist bekanntlich ein eher wildes Wesen. Wie verfährt er mit den vorwitzigen Kindern, die ihm gemäss althergebrachtem Brauch die Äpfel aus Kopfkranz und Bauchkranz reissen wollen? Gibt es da Richtlinien, oder entscheidet man aus dem Bauch heraus?

Ich versuche, am Anfang nicht allzu forsch aufzutreten. Aber je mehr die Kinder versuchen, meine Äpfel zu erwischen, desto ruppiger kann ich werden. Und wenn sich einige an die Tanne hängen oder gar am Kostüm reissen, was klar zu weit geht, kann es durchaus sein, dass auch ich unter der Maske leicht aggressiv werde. So gibt es für mich keine Richtlinien. Grundsätzlich habe ich viel Freude am Spiel mit den Kindern, bei dem das Erhaschen der unzähligen Äpfel im Zentrum steht. In Vorträgen und über die Medien versuchen wir die Kindern immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass es nur um die Äpfel geht.

Wer den Wild Maa tanzen will, muss dafür viel Freizeit investieren, für Spielproben, Besprechungen und anderes. Kannst Du Deinen ungefähren Zeitaufwand in Stunden oder Tagen beziffern?

Um den Zeitraum einzuschränken, nehmen wir die letzten drei Monate vor dem Vogel Gryff: Wir absolvieren gemeinsam sechs Spielproben, in denen ich mich auf den Tanz konzentriere. In meiner Freizeit kommt noch das Krafttraining und das Konditionstraining dazu. Da investiere ich jeweils gute 35 Stunden in meine Fitness. Dies zahlt sich dann aber mehrfach aus, weil ich den Tag so auch gut geniessen kann und nicht allzu gross mit mir selbst beschäftigt bin. Natürlich kommen noch einige kleine Termine dazu, wie die Tanne aus dem Wald holen, Interviews geben und Vorträge halten. Dies nimmt nochmals etwa zehn Stunden pro Jahr in Anspruch.

Hattest Du als eines von drei Ehrenzeichen am Vogel Gryff auch schon heikle Momente zu überstehen?

Die heiklen Momente sind diese, wenn nicht alles so läuft wie vorgesehen. So rutschte ich während eines Tanzes auf der Mittleren Rheinbrücke auf der etwas feuchten Tramschiene aus und krabbelte für einen Moment auf allen Vieren. Glücklicherweise verlief aber alles ohne grosse Verletzung.

Was wünschst Du Dir als Wild Maa für den heutigen Tag (13. Januar 2017)?

Viele erlebnisreiche Begegnungen und magische Momente, auf die ich ein Leben lang gerne zurückschaue.

 

 

Interview Lukas Müller, Foto Erwin Hensch